Die Polyvagale Perspektive
Die Polyvagaltheorie nach Dr. Stephen Porges
ist keine weitere Therapiemethode oder Technik auf dem Psychologiemarkt, sondern betrachtet den Menschen aus der Perspektive des autonomen (vegetativen) Nervensystems. Sie deutet und erklärt aus dieser Perspektive sein Handeln, Erleben und Interagieren mit seiner Umwelt und versteht Verbundenheit/Beziehung als zentralen Ansatzpunkt jeder Veränderung.
Therapie aus polyvagaler Sicht ist kein Reparaturbetrieb, der den Menschen nur wieder zum Funktionieren bringen soll, sondern bietet und schafft Raum für Bedingungen der Sicherheit und Regulation.
Dabei gilt: Erst Sicherheit. Dann Kontakt. Dann Vertrauen. Dann Veränderung.
Wenn sich im Nervensystem kein Zustand der Sicherheit einstellen kann, laufen alle Werkzeuge und Techniken früher oder später ins Leere, weil das Gehirn ausschließlich mit der Suche nach Sicherheit beschäftigt ist. Sicherheit ist aber nicht nur von äußeren Umständen abhängig, sondern stellt vielmehr eine neurophysiologische Grundeinstellung unseres Nervensystems dar.
Der Mensch als soziales Wesen
Biologisch gesehen sind wir Menschen Säugetiere. Unser Nervensystem braucht existenziell die Mitregulation durch andere, braucht Zugehörigkeit und Verbundenheit. Soziale Unterstützung ist keine Option, sondern eine biologische Notwendigkeit.
Ohne diese Voraussetzungen bleibt das Stressniveau hoch und das Leben gerät zum
Überlebensmodus, der wiederum neuen Stress erzeugt. All dies kostet Lebenskraft, denn diese Art von Stress wird vom Nervensystem als Bedrohung erfahren und muss beantwortet werden.
Die erste Reaktion auf Bedrohung ist - bei allen Säugetieren - die Suche nach Bindung. So kann man sagen: Bindung ist ein Synonym für Sicherheit. Hat der Mensch schon früh Bindung als Belastung erlebt, gerät er in ein Dilemma.
Signale, die als Gefahr wahrgenommen werden, aktivieren den Sympathikus, der unser System in Alarmbereitschaft versetzt und uns wahlweise mit Kampf, Flucht oder Unterwerfung reagieren lässt.
Schlagen diese Versuche fehl und kann kein Zustand der Sicherheit wiederhergestellt werden oder bleibt der Gefahrenreiz bestehen, hat das Nervensystem nur noch die Möglichkeit, mit Dissoziation und Immobilisierung zu reagieren.
Der amerikanische Wissenschaftler Dr. Stephen Porges hat nach langjähriger Forschung 1994 die Polyvagaltheorie der Öffentlichkeit vorgestellt. Das oben Beschriebene gibt nur einen sehr kurzen Eindruck seiner umfangreichen Forschungen wieder. Seither fließen seine Erkenntnisse in die Arbeit zahlreicher (Trauma-) TherapeutInnen in aller Welt ein.
Besonders bekannt geworden durch zahlreiche Publikationen ist die amerikanische klinische Psychologin und Therapeutin Deb Dana, die die Polyvagaltheorie in praktische Anwendungsmöglichkeiten für die therapeutische Praxis übersetzt hat.



